Der Stadtschulrat für Wien - von den Anfängen bis heute

Von Oskar Achs  

Otto Glöckel, Gründer und erster Präsident des Wiener Stadtschulrats (1922-1934), an seinem Schreibtisch im alten Stadtschulratsgebäude am Dr. Karl Renner-Ring

Die Geschichte des Stadtschulrats für Wien bildet ein umfangreiches und bewegtes Kapitel des Bildungs- geschehens in Österreich und ist mit den gesellschaft- lichen, wirtschaftlichen und politischen Entwicklungen eng verbunden.

Ausgangspunkt für die Entstehung des Wiener Stadt­schulrats war die Gründung der Republik nach dem Ende des Ersten Weltkriegs. Die Verfassung des neuen Staates sah die Möglichkeit vor, dass seine Hauptstadt Wien, bis dahin ein Teil von Niederöster­reich, ein eigenes Bundesland werden könne.

Nach längeren Verhandlungen erfolgte 1922 die endgültige Trennung Wiens von Niederösterreich. Der Schulreformer Otto Glöckel erfasste die Gunst der Stunde und schlug ein neues Modell der Schul­verwaltung für das neue Bundesland vor: Bezirks- ­und Landes- schulbehörde sollten zu einer neuen Institution vereinigt werden, dem „Stadtschulrat für Wien dem neuen Amt sollte ferner ein auf der Grundlage von Wahlen demokratisch legitimiertes beschlussfassendes Kollegium beigeordnet werden, das „Kollegium des Wiener Stadtschulrats. Der Lan­deshauptmann (damals Bürgermeister Jakob Reu­mann) sollte weiterhin de jure die Funktion des Prä­sidenten des Stadtschulrats innehaben; für die Füh­rung der Amtsgeschäfte sollte jedoch von ihm ein demokratisch gewählter „Geschäftsführender Präsi­dent' bestellt werden.

Am 22. März 1922 fand die erste, konstituierende Sitzung des neuen Kollegiums statt, in der Otto Glöckel zum ersten Präsidenten des Stadtschulrats gewählt wurde. In seiner Antrittsrede verkündete der Schulreformer seine Zielsetzungen: „Aufrechte, le­bensfrohe und sittlich gefestigte Republikaner müssen wir erziehen. Unser stolzes Ziel ist es, Wien zum Mittelpunkt der österreichischen Schulreform, zur Musterschulstadt zu gestalten. Unter Otto Glöckel wurde die große Wiener Schulre­form der 1920er Jahre durchgeführt. Am 13. Februar 1934 wurde er von den neuen austrofaschistischen Machthabern an seinem Schreibtisch im Wiener Stadtschulrat verhaftet und anschließend im Wiener Landesgericht inhaftiert. Als neuer Präsident wurde vom Ständestaat Robert Krasser eingesetzt (1934-1938), vom darauffolgen­dem NS-Regime Max Fritz (1938-1945). 1945, nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, führte vorübergehend Leopold Kunschak das Amt. Erster gewählter Präsident des Stadt- schulrats in der Zwei­ten Republik war Leopold Zechner (1946-1960), ihm folgte Max Neugebauer (1960-1969). Unter diesen beiden Präsidenten erfolgte der Wiederaufbau des zerstörten Schulwesens der Stadt und der Beschluss des Schulgesetzwerkes 1962. Die zweite große Schulreform des 20. Jahrhunderts erfolgte unter den Präsidenten Hermann Schnell (1969 - 1980) und Hans Matzenauer (1980 - 1992); anschließend folgte Kurt Scholz (1992-2001). Seit diesem Zeitpunkt ist die derzeitige Präsidentin Su­sanne Brandsteidl als erste Frau in diesem Amt. Sitz des Wiener Stadtschulrats war ursprünglich das Palais Epstein am Dr. Karl Renner-Ring 1. Während der NS-Zeit war das (ehemalige) Unterrichtsministe­rium am Minoritenplatz Sitz der Behörde, in der Be­satzungszeit Wien 9, Türkenstraße 3. Seit 2001 hat der SSRW im ehemaligen Bankpalais Wien 1, Wipplingerstraße 28 seinen Sitz.

 

Dieser Beitrag stammt aus unserer Zeitschrift WSM vom August 2012 und erschien dort unter dem Titel 90 Jahre Stadtschulrat für Wien.